Direkt zum Inhalt
aheadx

ahead conversations · Anker-Beitrag

Die dritte Phase der Künstlichen Intelligenz: Ein Gespräch mit Sepp Hochreiter

Warum wir vor Maschinen keine Angst haben müssen, aber vor uns selbst wachsam bleiben sollten, Sepp Hochreiter über LSTM, NXAI und Europas Chance bei spezialisierten KI-Modellen.

ki-forschung · europa-ki · industrialisierung · lstm · desinformation

Im Überblick
Wer
Sepp Hochreiter
Funktion
Univ.-Prof. Dr. · LSTM-Erfinder · NXAI-Mitgründer · JKU Linz
Hauptthema
Industrielle Anwendung von KI · spezialisierte Modelle
Kernthese
Wir stehen in der dritten Phase: KI wird industrielle Werkzeug-Schicht, nicht generische Forschungs-Software.
Veröffentlicht
22. Oktober 2025
Format
Conversation · ahead Magazin

KI ist kein Wesen, sondern ein Werkzeug

Wenn jemand das Recht hat, Künstliche Intelligenz nüchtern zu betrachten, dann ist es Univ.-Prof. Dr. Sepp Hochreiter. Der österreichische Informatiker gilt als einer der Wegbereiter moderner KI; seine Forschung an „Long Short-Term Memory”-Netzwerken (LSTM) bildet bis heute die Grundlage vieler Sprachmodelle.

Und doch klingt er überraschend gelassen, als ich ihn frage, ob wir uns Sorgen machen müssen.

„Nein, man muss sich keine Sorgen machen. KI ist wie der Computer früher. Früher standen Computer in Lagerhallen, heute stecken sie in jedem Handy. Dasselbe passiert gerade mit der KI. Sie wird kleiner, effizienter, anwendungsorientierter.”

Es ist eine Einschätzung, die entwaffnend einfach klingt, und gerade dadurch smart ist. Hochreiter erinnert daran, dass KI keine Magie ist, sondern ein Werkzeug. Eines, das Aufgaben erleichtert, Entscheidungen vorbereitet und Zusammenhänge sichtbar macht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Von der Forschung zur Industrialisierung

Hochreiter sieht die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz in drei Phasen:

  1. Grundlagenforschung, die Zeit, in der neuronale Netze überhaupt erst verstanden wurden. Hochreiter war selbst Teil davon.
  2. Hochskalierungsphase, danach entstanden immer größere Modelle, mehr Daten, mehr Rechenleistung.
  3. Industrialisierung, heute stehen wir am Beginn der dritten Epoche. KI-Systeme werden kleiner, spezialisierter und effizienter. Sie ziehen in Fabriken ein, in Krankenhäuser, in Energie- und Verkehrssysteme. Sie simulieren Abläufe, erkennen Fehler, bevor sie entstehen, und treffen Prognosen, die kein Mensch in dieser Geschwindigkeit leisten könnte.

„In der Industrie werden KIs wie digitale Zwillinge arbeiten. Sie sehen, wenn ein Metall zu schnell abkühlt, wenn ein Werkzeug stumpf wird, oder wenn ein Produktionsprozess kippt, und können Sekunden vorher gegensteuern.”

KI wird also zum Frühwarnsystem für komplexe Systeme, die für den Menschen nicht mehr greifbar sind. Davon profitiert von der Wettervorhersage über Energieverteilung bis zur medizinischen Forschung nahezu jede Branche. Nicht, um Entscheidungen zu treffen, diese bleiben beim Menschen, sondern um Entscheidungsgrundlagen zu schaffen.

Der Mensch bleibt das Nadelöhr

Doch so präzise Hochreiters technologische Vision ist, so deutlich betont er auch die Grenzen: KI ist kein Ersatz für Urteilsvermögen. Sie kann Daten verstehen, aber keine Verantwortung übernehmen. Und Verantwortung ist das, was Menschen auszeichnet.

Deshalb liegt die eigentliche Gefahr nicht in den Maschinen, sondern in der Art, wie wir sie nutzen.

„Die größere Gefahr ist, dass die KI uns in eine Bubble bringt; dass sie uns nur noch das zeigt, was wir ohnehin glauben wollen.”

KI-Modelle sind darauf trainiert, zu gefallen. Sie bestätigen, was wir hören möchten. So entsteht ein digitaler Spiegel, der unsere Welt enger macht, statt größer. Das Problem ist weniger technischer als psychologischer Natur. Die Technologie folgt unseren Mustern. Und unsere Muster folgen der Bequemlichkeit.

Von der Informationsflut zur Meinungsblase

Hochreiter warnt: Die eigentliche Herausforderung liegt in der Manipulation durch Muster. Künstliche Intelligenz erzeugt Texte, Bilder und Videos, die immer schwerer zu überprüfen sind. Fake News werden zu plausiblen News, Wahrheit zu einer Stilfrage.

„Man müsste eigentlich eine Verteidigungs-KI entwickeln.”

Eine KI, die Desinformation erkennt und gegensteuert. Aber solche Systeme altern, werden überlistet, verlieren an Qualität, während sich Angriffe ständig weiterentwickeln. Damit beschreibt Hochreiter eine Entwicklung, die über Technik hinausgeht: Wir erleben einen Vertrauensbruch zwischen Mensch und Medium. Das Zeitalter, in dem Inhalte allein durch ihre Existenz glaubwürdig waren, ist vorbei. Heute braucht es Medienkompetenz, Quellenkritik und Reflexionsfähigkeit, Fähigkeiten, die in keiner Programmiersprache entstehen, sondern in Bildung und Ethik.

Hier kommt Erkennungssoftware wie Resemble AI ins Spiel. Tatsächlich steht diese jedoch noch am Anfang, und ist dennoch von zentraler Bedeutung. Resemble Detect prüft, ob Stimmen echt oder künstlich erzeugt wurden, und soll helfen, manipulierte Inhalte zu erkennen, bevor sie sich verbreiten. Noch sind solche Systeme nicht unfehlbar, doch sie markieren einen wichtigen Schritt: Wenn die Fälschung nahezu perfekt wird, braucht es Werkzeuge, die Wahrheit überhaupt noch messbar machen.

Europa hat noch eine Chance

Trotz globaler Dominanz der USA und Chinas sieht Hochreiter Europa nicht abgeschlagen. Im Gegenteil:

„Wir haben in Europa die Chance, spezialisierte, energieeffiziente Modelle zu bauen, Systeme, die nachhaltiger sind als die großen, teuren Sprachmodelle der US-Konzerne.”

Mit seinem Unternehmen NXAI entwickelt Hochreiter gerade ein Modell namens TiREX, das Zeitreihen statt Text verarbeitet. Während ChatGPT Wörter vorhersagt, sagt TiREX Datenpunkte voraus, etwa Maschinenschwingungen, Verkehrsströme oder medizinische Signale. Ein Ansatz, der Europa in die industrielle Anwendung zurückbringen könnte.

„Die Großmodelle haben wir verpasst. Aber bei den spezialisierten Anwendungen haben wir noch die Nase vorn (…) Wer weiß jedoch, wie lange noch.”

Was Hochreiter da beschreibt, ist nicht weniger als eine Renaissance der europäischen KI: kleiner, präziser, verantwortlicher. Eine Gegenbewegung zu den Giganten, die auf Größe setzen, statt auf Sinn.

Zwischen Fortschritt und Verantwortung

Hochreiters Optimismus ist kein naiver Glaube an Technik. Er ist ein Vertrauen in Vernunft. KI ist für ihn nicht Feindbild, sondern Werkzeug, ein Spiegel unserer Fähigkeiten, aber auch unserer Schwächen.

Die Zukunft wird nicht von Algorithmen entschieden, sondern von der Haltung derer, die sie einsetzen.

Vielleicht ist das die wichtigste Lehre aus Hochreiters Denken: Wir müssen uns weniger fragen, was KI kann, sondern was wir mit ihr wollen. Denn jede Maschine beginnt mit einem ersten Befehl. Und dieser erste Befehl kommt, immer noch, von uns.

Vom Misstrauen zur Mündigkeit

Künstliche Intelligenz ist längst Teil unseres Alltags. Sie steckt in unseren Handys, unseren E-Mails, unseren Entscheidungen. Aber sie ist kein Schicksal. Die Verantwortung liegt beim Menschen. Wer KI versteht, kann sie gestalten. Wer sie nur benutzt, wird von ihr gestaltet.

Hochreiter formuliert es nüchtern: „KI ist ein Tool. Wie Word.” Und genau darin liegt die Wahrheit. Ein Werkzeug kann helfen oder zerstören; es hängt von der Hand ab, die es führt, vom Mund, der die Befehle erteilt, vom Blick, der bewertet. Von uns.

Europa hat die Chance, KI nicht nur technologisch, sondern auch ethisch neu zu definieren. Weg von der Ideologie des Immer-Mehr, hin zu einer Haltung des Bewusstseins. Wenn uns das gelingt, dann bleibt KI, was sie immer sein sollte: ein Werkzeug. Und wir, die, die es zu benutzen wissen.

Häufige Fragen zu diesem Beitrag

  • Was ist die "dritte Phase" der KI laut Sepp Hochreiter?
    Die dritte Phase ist die industrielle Anwendung von KI: nicht mehr Forschung um der Forschung willen, nicht mehr generische Chatbots, sondern spezialisierte Modelle, die in konkreten industriellen und wissenschaftlichen Kontexten Wert erzeugen. Hochreiter argumentiert, dass Europa hier eine echte Chance hat, weil Spezialisierung auf vertikale Domänen Stärke aus tiefem Anwendungswissen zieht.
  • Was ist LSTM und warum ist Hochreiter dafür bekannt?
    LSTM (Long Short-Term Memory) ist eine in den 1990er-Jahren von Sepp Hochreiter entwickelte Architektur für rekurrente neuronale Netze. Sie löst das Problem des verschwindenden Gradienten und bildet bis heute die Grundlage für viele moderne Sprachmodelle und Sequenz-Verarbeitungs-Systeme, von Google Translate bis hin zu Sprachassistenten.
  • Was ist NXAI und welche Rolle spielt Hochreiter darin?
    NXAI ist ein 2023 in Linz gegründetes KI-Forschungs- und Anwendungsunternehmen. Sepp Hochreiter ist Mitgründer und wissenschaftlicher Leiter. NXAI arbeitet an spezialisierten KI-Modellen für industrielle Anwendungen, eine konkrete Manifestation der "dritten Phase"-These.

Verwandte Beiträge

← Alle Conversations Zurück zum Magazin