Im Überblick
- Wer
- Marko Kalabota
- Funktion
- Geschäftsführer Empolo · Vorarlberg
- Hauptthema
- KI-Reife · Orchestrierung · Pilotprojekte
- Kernthese
- Europa braucht Pilotprojekte statt Schlagworte, Reife schlägt Tempo.
- Themenfeld
- KI-Beratung · KMU-Pragmatismus
- Veröffentlicht
- 2. November 2025
- Format
- Conversation · ahead Magazin
Es gibt Gespräche, die beginnen als Technik-Talk und enden als Zustandsbeschreibung unserer Zeit. Mein Gespräch mit Marko Kalabota, Geschäftsführer von Empolo, war so eines. Wir sprachen über Tempo, über Angst vor dem Zurückbleiben, über Verantwortung. Und darüber, warum KI sich manchmal anfühlt wie ein E-Mountainbike: man kommt endlich den Berg hoch, treten muss man trotzdem.
Vom Ebay-Kid zum KI-Kollektiv
Kalabota ist kein Grübler aus dem Elfenbeinturm. Er ist ein Macher. Als Teenager verdient er Geld mit Ebay-Hypes, importiert später Container mit Möbeln, liefert selbst aus, finanziert so sein Studium. Marketing wird sein Terrain, Social Media die Werkbank. Machine Learning kennt er aus Uniprojekten, doch 2021 macht ChatGPT KI massentauglich, und Marko zaubert daraus ein Geschäftsmodell: Empolo als Kollektiv, remote und hybrid, entstanden aus dem Loft in Lochau. Auch Marko Tovilo, Co-Founder von TOWA, ist bei Empolo mit am Start.
„Europa will KI, weiß aber oft nicht, wofür. Also holen wir die Entscheider in Discovery-Workshops, sortieren Ideen in kurzfristig, mittelfristig, langfristig, und identifizieren die Low Hanging Fruits.”
Dass viele Unternehmen bereits bei ihrer eigenen Infrastruktur scheitern, ist kein Geheimnis. Kalabota benennt das blinde Fleckchen vieler Unternehmen offen: Datenreife. Ohne saubere Daten werde jede KI-Architektur zum Wunschzettel. Empolo integriert deshalb zuerst in bestehende Systeme: vom Hotel-Chatbot bis zum automatisierten Fördermanager, der Fragen stellt, Anträge schreibt und Bürokratie entschärft. Der Erfolg lässt sich anhand von Zahlen messen.
Prototypen in Tagen, nicht in Monaten
Was mich persönlich beeindruckt, ist sein Tempo. „Prototyp in einem Tag”, sagt er. „Das ist mittlerweile alles möglich.” Natürlich: Backend, Rollen, Sicherheit kommen danach. Aber die These steht: Software-Entwicklung ist günstiger geworden, Kreativität wird zur Taktfrage.
„Früher brauchtest du Designer und zwei Entwickler. Heute orchestrierst du Tools und Modelle.”
Das ist keine Geringschätzung von Handwerk, eher die nüchterne Feststellung, dass Orchestrierung zur Kernkompetenz wird.
Der E-Bike-Vergleich und seine Grenze
„KI ist wie ein E-Mountainbike. Sie bringt dich hoch, aber sie fährt nicht allein.”
Ich nicke. Der Satz erklärt, warum Produktivität explodieren kann, und Verantwortung trotzdem bleibt. Er erklärt auch, warum Support-Automatisierung bei Klarna zig Millionen spart und warum Robotik ganze Wertschöpfungsketten neu baut. Die ökonomische Wucht ist real. Und sie trifft zuerst wiederholbare Arbeit.
Meine Nachfrage: Wo endet Effizienz, wo beginnt Entleerung? Kalabota bleibt nüchtern. Traditionelle Unternehmen, die nicht lernen, Agenten und APIs zu nutzen, werden „geschluckt”. Freelancer mit Tool-Kompetenz führen Teams aus digitalen Helfern. Atlas, Perplexity: All diese Werkzeuge werden „assistiert”, Recherche und Text entstehen vor den Augen von Textschaffenden und Dienstleistern. Begeisterung und Beklemmung liegen so dicht beieinander.
Kreativität im Remix-Zeitalter
Kalabota ist Künstler. Was uns eint, ist die Vergangenheit als Kreativschaffender mit über 400 geschriebenen Songs im Drive. Er weiß, wie sehr Pop historisch recycelt. KI beschleunigt das Prinzip. Der Unterschied: die Fusionsfähigkeit.
„Balkan mit koreanischen Patterns und germanischen Bläsern: prompten, mischen, einzigartig klingen lassen.”
In Belgien nutzt eine Lebensmittelkette KI-Musik und spart somit Lizenzen. Das ist effizient, aber es verschiebt Wertflüsse. Ich halte dagegen: Wo bleibt der künstlerische Kern? Marko setzt auf Autorschaft in der Idee: Die Strategie, die Message, das Geschmacksurteil, das alles müsse menschlich bleiben. Feinschliff ja, Delegation der Stimme nein.
Die heikle Zone: Nähe, Einsamkeit, Grenzfälle
Wir streifen das Unbequeme: KI-Begleiter, die „Hab dich lieb, Brudi” sagen. Adult-Bots, die auf spezialisierten Modellen laufen. Einsamkeit als Markt. Kalabota benennt es, ohne zu moralisieren. Seine These: Menschen suchen echte soziale Reibung, auch wenn KI Nähe simuliert. Zyklen sozialer Plattformen belegen das:
- sozial
- dann kommerzialisiert
- dann Erosion
- dann Neuanfang
Gleichzeitig warnt er vor Diagnostik-Versprechen und emotionalen Abkürzungen. Hier braucht es Ethik, Transparenz, Aufsicht, und schlichte Medienkompetenz.
Europa zwischen Regulierung und Handlungslücke
„Europa schießt sich mit Regulierung ins Knie.”
Die USA führen, Asien zieht nach. Er zitiert Singapur mit Weiterbildungszuschüssen, Oslo mit ChatGPT-Pro-Zugängen für Studierende, Albanien mit KI-Ministerium. Ob man jedes Beispiel teilt, ist zweitrangig. Sein Punkt ist klar: Handlungsfähigkeit schlägt Bedenkenträgerei.
Wer in Vorarlberg, wer in Österreich die Kompetenzen nicht hebt, verliert an Standortwert. Und das hat Folgen. „Ein Impulsvortrag pro Unternehmen reicht nicht”, sagt er. Es brauche mehrwöchige Programme, echte Praxis, Förderlogik, die Unternehmen und Mitarbeitende befähigt. Hier solle das Land noch mehr Unterstützung und Support leisten.
Ich stimme zu, mit einer Ergänzung: Regeln sind kein Gegenentwurf zu Innovation, wenn sie pragmatisch sind. Europas Chance liegt in sicheren Infrastrukturen, prüfbarer Herkunft und daten-souveränen Architekturen. Technik plus Vertrauen, das ist ein Geschäftsmodell.
Verantwortung, die bleibt
Kurz vor dem Abschluss unseres Gesprächs kommt das Thema Glaubwürdigkeit ins Spiel. Aus dem Gespräch mit Hetfleisch zitiere ich, dass die junge Generation mit der Regel aufwächst: Alles ist falsch, bis bewiesen ist, dass es stimmt. Das kann heilsam sein, oder zynisch. Kalabota setzt deshalb, wie Hetfleisch, auf Authentifizierung und Zurechenbarkeit von Inhalten. Ich ergänze: ohne Medienbildung nützt kein Wasserzeichen. Beides zusammen ist Schutz.
Was ich aus dem Gespräch mitnehme
- KI-Reife beginnt nicht mit Tools, sondern mit Fragen. Wofür? Mit welchen Daten? In welchem Prozess?
- Orchestrierung wird zur Schlüsselqualifikation, Menschen, die Systeme verbinden, Verantwortungen klären, Outcomes messen.
- Kreativität bleibt menschlich, wenn wir die Idee nicht auslagern. Der Stil darf geschliffen werden, die Haltung nicht.
- Europa braucht weniger Schlagwort-Strategien und mehr Pilotprojekte, die Alltag entlasten: Fördermanager, Verwaltungs-Co-Piloten, Pflege-Assistenz, Mittelstands-Backoffice.
- Würde ist eine Design-Variable. Systeme, die Einsamkeit monetarisieren, sind technologisch brillant und gesellschaftlich arm. Hier entscheidet Produktpolitik über Zukunftsqualität.
Marko Kalabota verkauft Handlungsfähigkeit. Empolo wirkt da wie eine Werkstatt: schnell im Prototyping, offen in der Beratung, klar im Anspruch, Wert statt Show zu liefern.
Ich verlasse das Gespräch mit einem einfachen Bild: Ja, KI ist ein E-Bike. Es nimmt Steigung aus der Strecke. Aber wo wir hinfahren, bestimmen wir. Und wann wir absteigen, um den Ausblick wirklich zu sehen, ebenso. Den Gipfel sehen wir dann vielleicht trotzdem, aber dazu brauchen wir die Füße. Und die können wehtun.