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Zwischen Code und Kopf: Wie Marco Moosbrugger KI menschlich macht

Vom Pokertisch zur KI-Werkstatt: Marco Moosbrugger über lokal trainierte Sprachmodelle, Datensouveränität in Vorarlberg und warum Trainer wichtiger sind als Propheten.

ki-anwendung · agentensysteme · datensouveraenitaet · kmu

Im Überblick
Wer
Marco Moosbrugger
Funktion
KI-Trainer · Mitgründer Byti · Vorarlberg
Hauptthema
Agentenintelligenz · Datensouveränität · KI-Aufklärung
Kernthese
KI-Aufklärung für KMU braucht praktischen Pragmatismus statt abstrakte Konzepte.
Themenfeld
KMU-Bildung · Vorarlberg-Kontext
Veröffentlicht
30. Oktober 2025
Format
Conversation · ahead Magazin

Manchmal entstehen die besten Ideen dort, wo man sie nicht sucht, an einem Pokertisch zum Beispiel. Zwischen Chips, Lachen und drei Stunden Gesprächen über das Leben. Weder über Arbeit noch über Geld.

Am Pokertisch unter Freunden lernte Marco Moosbrugger den Mann kennen, der später sein Geschäftspartner werden sollte. Heute baut er gemeinsam mit Andreas Hohenstatt und einem zweiten Kollegen aus der Pokerrunde, Armin Gaiser, eines der spannendsten KI-Unternehmen Vorarlbergs. Ein Unternehmen, das künstliche Intelligenz aktiv anwendet, ohne zu viel darüber sprechen zu müssen. Pragmatisch und bodennah, vor allem von Menschen für Menschen.

Vom Social-Media-Projekt zur KI-Vision

Die Geschichte beginnt in einer Welt, die viele kennen: Social Media. Ich kenne Moosbrugger noch aus seiner Zeit als Mitgründer von Castl, einer Agentur, die eine Social-Media-Plattform baute, Content steuerte, Reichweite versprach. Doch der Algorithmus meinte es nicht gut. „Wir haben einfach keinen Fuß in die Tür bekommen”, sagt er. Also zog er die Reißleine und startete neu.

Gemeinsam mit einem kleinen Team aus der Ukraine entwickelten sie 2022 ein eigenes Sprachmodell, lange bevor KI in den Feeds explodierte. Er pitchte bei großen Unternehmen, lernte, scheiterte, forschte weiter. Und weil mit dem Erwerb neuer Kenntnisse auch sein Talent zur Wissensvermittlung bekannt wurde, gründete er sein eigenes Unternehmen im Bereich der KI-Fortbildung für KMU.

Parallel entstand Byti, ein KI-Agentensystem, das digitale Tools miteinander sprechen lässt, statt Menschen zwischen den Programmen hin und her springen zu lassen.

„Ich wollte nie KI verkaufen, ich wollte sie erklären.”

Vielleicht liegt darin der Unterschied zwischen einem Trainer und einem Techniker.

Byti: Die stille Revolution im Backoffice

Was Byti macht, klingt einfach: Es verbindet bestehende Softwarelösungen eines Unternehmens, Buchhaltung, CRM, Kalender, E-Mail, in einer einzigen Oberfläche. Ein Sprachbefehl genügt, der Rest läuft im Hintergrund. Daten bleiben auf Servern in Feldkirch, also in Österreich.

Moosbrugger nennt das „Agentenintelligenz”, eine Architektur, die darauf beruht, dass KI nicht als ein großes System auftritt, sondern als Netzwerk vieler kleiner, spezialisierter Agenten. Jede Person kann eigene erstellen, jede ihr digitales Team selbst gestalten.

„Wir wollten ein System bauen, das nicht abhängig macht.”

Die Daten bleiben in Österreich. Die Kontrolle bleibt beim Nutzer. Es ist ein Ansatz, der weniger über das einzelne Produkt aussagt, und mehr über die Frage, wie europäische Software-Architektur überhaupt aussehen kann.

Lehren statt verkaufen

Moosbrugger bezeichnet sich ungern als Experte. „Ich bin Trainer, kein Prophet”, sagt er und lacht. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Menschen ihm zuhören. Er verkauft keine Zukunftsangst, sondern Kompetenz. Mit der Domain KI-Führerschein hat er sich eine Brand gesichert, die ihm die Workshops füllt und Menschen aus dem digitalen Schlaf aufweckt.

Mithilfe seines Kollegen Marco Esposito schafft er Orte, an denen Menschen zum ersten Mal begreifen, was Künstliche Intelligenz wirklich bedeutet: weder Magie noch Science-Fiction, sondern Logik und Handwerk.

Über 70 Prozent der Teilnehmer, sagt er, hätten kaum Vorwissen. Und von denen wollten nur 30 Prozent wirklich tiefer einsteigen. „Das zeigt, wo wir stehen. Der Zug ist im Bahnhof. Man sollte halt einsteigen.”

Von der Überforderung zur Orientierung

Moosbrugger kennt die Skepsis. „Viele sagen: KI bringt mir nichts. Ich brauch das nicht.” Aber sobald sie hören, dass sie keine Angebote mehr selbst schreiben, keine Buchhaltung mehr tippen müssen, „werden sie hellhörig”. Mittlerweile arbeitet er mit Hotels, Steuerberatern, Städten, Fertigungsbetrieben und Versicherungen, überall dort, wo Prozesse sich wiederholen.

„Backoffice, Support, Marketing, dort liegen die größten Hebel.”

Aber er geht weiter: „Ich will nicht jedem etwas verkaufen. Ich will, dass jeder versteht, wofür er KI braucht.” Das ist selten geworden, ein Unternehmer, der nicht sein Produkt in den Mittelpunkt stellt, sondern den Menschen davor.

Datensouveränität als Haltung

In einer Welt, in der Daten die neue Währung sind, ist Moosbruggers Vision fast romantisch: Sprachmodelle, trainiert in Feldkirch. Keine Serverfarmen in Kalifornien. Keine Weitergabe an Dritte. Ein geschlossener, sicherer Datenkreislauf, als Symbol europäischer Unabhängigkeit.

Er will kleine, leistungsfähige Modelle, spezialisiert statt gigantisch. Er glaubt an das Prinzip: lokal statt global, menschlich statt anonym.

„Ich finde alles gut, was weggeht von der Zentralisierung, was nicht alles nach Amerika schickt.”

Zwischen Pragmatismus und Philosophie

Was mich an KI von Anfang an beeindruckt hat: Man kann alles machen, was man sich vorstellen kann. Und wenn es heute noch nicht geht, dann probier’s in drei Monaten wieder.

Moosbrugger agiert hands-on. Er redet nicht über Singularitäten, sondern über Excel-Tabellen. Nicht über Bewusstsein, sondern über Kalenderintegration. Aber gerade darin liegt seine Stärke: Er übersetzt das Abstrakte ins Alltagstaugliche.

Die Lehre aus dem Lehrenden

Im Gespräch mit ahead blieb ein Satz besonders hängen:

Viele fragen mich, wie sie erkennen, was echt ist. Ich sag ihnen: Glaubt gar nichts, aber lernt zu verstehen.

In einer Welt, die sich immer schneller digitalisiert, ist das vielleicht die ehrlichste Antwort, die man geben kann.

Auf das wir nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart endlich ernster nehmen, in einer Zeit, in der Geschwindigkeit unsere Existenz ausmacht und dort Druck ausübt, wo es sich am schwersten atmen lässt.

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