Im Überblick
- Wer
- Lorenz Maschke
- Funktion
- Leiter Innovation, Digitalisierung und Startups · WK Salzburg
- Institution
- Wirtschaftskammer Salzburg
- Hauptthema
- KI-Strategie für KMU · Bildung als Wirtschaftsfaktor
- Kernthese
- KI ist kein Problemlöser, sondern ein Werkzeug, ohne menschliche Expertise wird es nicht funktionieren.
- Veröffentlicht
- 27. Oktober 2025
- Format
- Conversation · ahead Magazin
Wenn Lorenz Maschke über Künstliche Intelligenz spricht, dann steht Technik nicht im Vordergrund. Der Leiter für Innovation, Digitalisierung und Startups bei der Wirtschaftskammer Salzburg denkt Transformation als Dauerzustand, als stetigen Wandel, und warnt davor, KI als Wundermaschine zu begreifen.
„Ohne menschliche Expertise wird es nicht funktionieren. KI ist kein Problemlöser, sie ist ein Werkzeug. Und wer Werkzeuge falsch ansetzt, richtet Schaden an.”
1. Von der Angst zur Neugier
Noch vor zwei Jahren dominierten Schlagzeilen über Jobverlust, Kontrollverlust, Werteverlust. Heute spürt Maschke in den Betrieben etwas Neues: Neugier. Unternehmer:innen wollen wissen, wie sie KI über die bekannten Anwendungsfälle hinaus einsetzen können. Nicht mehr ob, sondern wofür.
Das ist ein entscheidender Wandel. Denn wer Angst hat, sucht Sicherheit. Wer neugierig ist, sucht Möglichkeiten. Maschke beschreibt diese Haltung als Kernkompetenz der Zukunft: die Fähigkeit, Ungewissheit nicht zu bekämpfen, sondern zu navigieren.
Die Transformation ist nicht seit gestern da, sie beschleunigt sich exponentiell. Sicherheit in diesem Umfeld entsteht aber leider nicht durch Kontrolle, sondern durch Klarheit und Orientierung.
2. A Fool with a Tool is still a Fool
Maschke spricht Klartext: Die KI-Euphorie hat eine Schattenseite. Viele nutzen Tools wie ChatGPT unreflektiert, kopieren Ergebnisse, geben teils sogar geheime Unternehmensdaten preis. Dabei verwechseln sie Effizienz mit Denken.
„Wenn ich KI einsetze, ohne zu wissen, wohin ich will, dann macht das keinen Sinn.”
Diese Haltung ist in der Kreativ- und Wissensarbeit längst Thema. „A Fool with a Tool is a Fool” heißt es dort, oder schlichter: „Crap in, Crap out.” Wer strategisch denkt, wer promptet, prüft, kombiniert, erzeugt echte Mehrwerte. Wer nur kopiert, bleibt austauschbar.
Maschke zieht dabei die Parallele zur Industriegeschichte: Von der Schreibmaschine zum Computer dauerte es Jahrzehnte, die Sprünge der KI erfolgen jedoch exponentiell. Geschwindigkeit wird zum Selektionsfaktor. Qualität entsteht nicht mehr durch Besitz von Wissen, sondern durch den Umgang damit.
3. Der neue Qualifikationsschock
Das Besondere an dieser Revolution: Sie betrifft nicht mehr nur handwerkliche Tätigkeiten, sondern auch akademische. Ärzte, Juristen, Analysten, ihre „Black Boxes” werden durch KI aufgebrochen. Was früher Spezialwissen war, wird zum Massenphänomen.
Doch Maschke sieht darin keine Bedrohung, sondern eine Chance zur strategischen Neupositionierung.
„Unternehmen müssen sich fragen: Welche Prozesse kann ich sinnvoll beschleunigen, und welche bleiben besser menschlich?”
Die wahre Herausforderung liegt in der Integration, nicht in der Substitution. KI ersetzt keine Arbeit, sie verschiebt sie. Was bleibt, ist das Denken, das Bewerten, das Gestalten.
4. Daten, das vergessene Fundament
Zwischen all den Schlagworten von „Prompt Engineering” und „Use Cases” erinnert Maschke an das, was viele übersehen: Daten.
„Ein sinnvoller KI-Einsatz braucht eine saubere Datenbasis. Ohne konsistente Daten kann ich keine konsistenten Ergebnisse erwarten.”
Er nennt Beispiele aus Salzburg:
- Automatisierte Rechnungserkennung
- HR-Analysen
- Hotelkommunikationssoftware
Das alles sind Prozesse, in denen KI längst still mitläuft. Die Technologie verschwindet in der Oberfläche, wird selbstverständlich, unsichtbar. Und genau das birgt neue Risiken. Wenn Anwender nicht mehr verstehen, wie ein System funktioniert, verlieren sie die Fähigkeit zur Kontrolle.
5. Bildung als Wirtschaftsfaktor
Maschke zieht die Linie weiter: von der Wirtschaft in die Bildung. Kinder und Jugendliche sind technisch längst weiter als die Erwachsenen. Was ihnen fehlt, sind die Werte, die mit der Nutzung einhergehen.
„Wie sie verantwortungsvoll umgehen, das ist der Punkt. Technisch brauchst du ihnen nichts mehr erzählen.”
Im Business gilt dasselbe. Unternehmen brauchen nicht mehr Information, sondern Reflexion. Die Wirtschaftskammer Salzburg setzt deshalb auf Programme wie den „KI-Führerschein” des WIFI Salzburg: eine strategische Grundausbildung, die Sensibilisierung, Datenkompetenz und ethisches Bewusstsein verbindet. Denn wer KI blind vertraut, wird von ihr geführt. Wer sie versteht, kann führen.
6. Europa zwischen Regulierung und Realität
Auf globaler Ebene sieht Maschke ein Spannungsfeld: In den USA wird experimentiert, in Europa wird reguliert. Viele kritisieren diese Realität als Innovationshemmnis. Maschke hält dagegen:
„Eine gewisse Regulatorik macht Sinn. Niemand will kritische KI-Systeme mit Social Scoring oder Datenmissbrauch.”
Europa kann zwar finanziell nicht mithalten, hat aber andere Stärken: ein hohes Ausbildungsniveau, ethisches Bewusstsein, einen ausgeprägten Erfindergeist. Die Gefahr liegt im Verlust des Optimismus. Österreich, sagt er, sei gut aufgestellt, „aber uns fehlt die gute Stimmung”. Das lässt sich nicht nur durch Umfragen bestätigen, sondern ist auch tatsächlich spürbar.
Die Covid-Pandemie, die menschliche Isolation, der finanzielle Druck im Nachhinein, die Kriege, Migration und deren Herausforderungen, der schwierige Wohnungsmarkt, die künstliche Intelligenz und die politische Haltung und Situation. All diese Punkte haben in der Gegenwart Spuren hinterlassen. Und trotzdem: Wer den Glauben verliert, der muss ihn wiederfinden, um auch tatsächlich Meter zu machen.
7. Agilität als Überlebensprinzip
Für Unternehmen sieht Maschke das Stichwort „Agilität” als Kernfaktor, der Zukunft sichert. Als Start-up-Experte beobachtet Maschke, dass die erfolgreichsten Unternehmen jene sind, die wie Startups denken. Kurze Entwicklungszyklen, internationales Denken, frühes Testen. Das gilt für Technologiefirmen ebenso wie für traditionelle Betriebe.
„Auch der Tischler kann international denken. Es geht um Offenheit und Agilität.”
Agilität bedeutet die Fähigkeit, sich permanent neu zu justieren. Wer auf Sicherheit wartet, wird überholt. Wer handelt, bleibt relevant. Maschke formuliert das fast philosophisch:
Vielleicht bekommt die direkte menschliche Interaktion wieder mehr Bedeutung. Wenn ich im Videocall nicht weiß, ob mein Gegenüber echt ist, gewinnt das Reale wieder Wert.
Die Zukunft der Wirtschaft ist damit auch eine Frage der Kultur.
8. Mensch, Maschine, Moment
Zwischen Automatisierung und Achtsamkeit spannt sich das neue Spielfeld der Arbeit. Maschke balanciert es selbst bewusst aus: „Mein Gegengewicht zu dem allem ist, ich lass das Handy daheim und gehe im Wald spazieren.”
Dieser Satz ist mehr als eine Randbemerkung. Er beschreibt das Paradox unserer Zeit: Wir bauen Systeme, die schneller denken als wir, und müssen gleichzeitig lernen, wieder langsamer zu fühlen. Vielleicht ist das die wahre Transformation: Nicht der Sprung von analog zu digital, sondern von getrieben zu bewusst.
9. Vom Tool zur Haltung
Am Ende seines Gesprächs sagt Maschke einen Satz, der bleibt:
„In dem Moment, in dem wir Kindern Technologie erklären, sind wir selbst schon ein Stück Vergangenheit.”
Damit trifft er den Kern der digitalen Gegenwart. Technologie altert im Sekundentakt. Was bleibt, ist Haltung. Haltung bedeutet:
- Neugier statt Angst.
- Strategie statt Hype.
- Lernen statt Wissen.
Sie ist das, was KI nicht ersetzen kann, und was den Unterschied zwischen Reaktion und Gestaltung ausmacht. Maschke fordert mehr Bewusstsein: „Unternehmen sollen verstehen, warum sie handeln, bevor sie sich fragen, womit.”
Transformation wird dann zu einem Zustand. Und genau dort, in dieser Haltung, entsteht Zukunft.
Die Zukunft wird nicht programmiert. Sie wird interpretiert.
Maschke erinnert uns daran, dass Technologie nur so intelligent ist wie die Absicht dahinter. Wer Haltung zeigt, bleibt handlungsfähig, auch in einer Welt, die sich jeden Tag neu schreibt.